Öffnet das Rote Tor!

18. Mai 2018

Führung mit Thomas Felsenstein am 16.07.2017

„Wer sich hier einmal im Kreis herumdreht, hat die Geschichte Augsburgs vor Augen: die europäisch einzigartige Wasserwirtschaft, die Sozial- und Militärgeschichte, das berühmt-berüchtigte „Augschburger Zaudern“ sowie die Entwicklung vom Glasscherbenviertel zur Wohnidylle – und hoffentlich bald kulturelles Erbe der Menschheit. So Thomas Felsenstein am Roten Tor.

Die Spaziergänge mit dem Historiker haben bereits eine lange Tradition. Der SPD-Ortsverein Ulrich unter der Führung von Dr. Frank Mardaus bietet seit vierzehn Jahren diese geschichtlich wie kommunalpolitisch äußerst anregenden Gänge durchs Ulrichsviertel. Wieviel Interessantes es zu bieten hat, war auch an diesem herrlichen Sonntagnachmittag für die gut fünfzig Besucher der Führung zu erleben. Sogar der König von Augsburg hatte sich eingefunden, das rote Feuerwehrauto von MdB Ulrike Bahr parkte sinnig vor dem Tore, auch Stadtrat Dr. Florian Freund sowie die Bewerberin für die Landtagskandidatur, Sibel Altunay, waren gekommen.

Das Wasser des Lechs und der Bäche wie Brunnenbach, Lochbach oder das der Singold hat Augsburg in jeder Hinsicht sozial und wirtschaftlich geprägt. Wer fließend Wasser hatte, der hatte es geschafft! Und erst recht die Stadt, die es sich leisten konnte, die drei Prachtbrunnen fröhlich sprudeln zu lassen – allerdings mit eingebauter schwäbischer Sparsamkeit in Gestalt dünner Röhrchen, wie Thomas Felsenstein so launig wie kenntnisreich erzählt. Wie war es eigentlich möglich, Wasser bis zu 15 Metern hoch zu pumpen, um die Oberstadt damit zu versorgen? Die technische Lösung dieses Problems war in Europa einzigartig und ein Vorbild für viele andere Städte. Eben diese Einzigartigkeit hat schließlich die Bewerbung zum Weltkulturerbe initiiert – ein Umstand, auf den die Anwohner – und diese hat der Ortsverein Ulrich im Blick – gleichermaßen mit Vorfreude wie mit gesunder Skepsis blicken.

2017-07-16 | Stadtrundgang mit Thomas Felsenstein
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hören Thomas Felsenstein interessiert zu

Die große Vergangenheit wie auch politischer Stillstand wird sichtbar am Roten Tor mit seinen Wassertürmen, dem Brunnenmeisterhaus, dem Aquae- und Viadukt bei der heutigen Freilichtbühne und den Wehranlagen, die heute leider nicht einmal mehr spielenden Kindern standhalten können. Ganz zu schweigen von einem der schönsten Plätze der Stadt, der seit Jahr und Tag als Parkplatz verschandelt wird, von dem aus man das Offiziershaus, die Wassertürme und natürlich das imposante Tor vor Augen hat. Das Rote Tor, so Felsenstein, sei übrigens kein echtes Wehrtor, sondern sozusagen ein „Fake-Tor“. Niemals hätte es einen Angriff von außen ernsthaft verhindern können. Dies wusste der Baumeister Elias Holl, doch er schuf vielleicht zum Ausgleich ein trutziges, wunderschönes Tor, das zumindest von außen Wehrhaftigkeit vorgibt. Auch an anderen Stellen, die bis zum heutigen Tage nur handverlesene Gäste erspähen dürfen, ließen es sich die stolzen Augsburger einiges kosten, wenn für einen Stöpsel im Wasserturm der großartige Bildhauer Adriaen de Vries bemüht wurde.

Hier, an dieser wichtigsten Einfallstraße vom Süden her, ist Augsburgs Historie also begehbar – zumindest in der Theorie. Mindestens fünfmal musste die Zuhörerschaft vor verschlossenen Toren und Türen und vor versperrten Treppen stehen. Die Begründungen der Stadt (Vandalismus etc.) klingen dürftig und überzeugen nicht. Bereits im Jahr 2013 legte Dr. Frank Mardaus dem Stadtrat einen Antrag mit einem Forderungskatalog vor, welche die Spaziergänge mit Thomas Felsenstein sowie eine Befragung der Anwohner ergeben hatten: Öffnung der Wege, Öffnung der historischen Gebäude auch für Anwohner und Individualtourismus, freie Durchgänge zum Handwerkermuseum und durch die Wallanlage sowie von der Bastion zur Wiese. Der Tunnel zur Gärtnerstraße sowie die Sanierung der Wallanlage wurde ebenso angemahnt wie die Ausweisung des einzigartigen Platzes für die Öffentlichkeit. Und nicht zuletzt eine öffentliche Toilette – nicht nur für die Besucher der Freilichtbühne. Wo der Schuh im Ulrichsviertel drückt, ist demnach längst bekannt. Einiges, wie die Sanierung der Bäckergasse, wird nun angegangen. Auch an der Wallanlage scheint gearbeitet worden zu sein. Aber wird das reichen? Es ist, so eine Zuhörerin, doch sehr bedauerlich, dass es erst einer Bewerbung zum Weltkulturerbe bedarf, damit etwas für die Anwohner im Ulrichsviertel passiert. Warten wir’s ab, sagt sie.

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